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TALK

GESCHMACKSINTELLIGENZ - Erkenntnis auf den ersten Blick

12. November 2019, 13.00 Uhr Kunstuniversität Linz, Domgasse 1, 1.OG, Audimax

Vortrag von Prof. Herbert Lachmayer im Rahmen der Interface Cultures Invited Lecture Series.

Wer kennt ihn nicht, den Augenblick der Erstbegegnung, wenn meist im Bruchteil einer Sekunde klar wird, mit wem wir es zu tun haben. Wenn sich in uns ‚prima vista‘, also auf dem ‚ersten Blick‘, jene Beurteilung einstellt, was wir von unserem Gegenüber zu erwarten haben, dann kommt Geschmacksintelligenz ins Spiel. Es geht dabei nicht, um den Endlos-Disput vom ‚guten‘ versus den ‚schlechten Geschmack‘, sondern um unsere Fähigkeit einer blitzschnellen Urteilsbildung auf Grundlage sozialer Kompetenz, Bildung, Lebenserfahrung und jenem gewissen Sniff, die Eigenart eines Menschen gleichsam 'riechen' zu können. Diese, vor allem ästhetische Urteilsfähigkeit, aus vielen Details, etwa spontan aus der Persönlichkeit eines Menschen hypothetisch Schlüsse auf sein erwartbares Verhalten schließen zu können, folgt keineswegs der Logik einer abstrahierenden Rationalität, die dem Anspruch unterliegt, die Wirklichkeit immer und überall objektivieren zu können. Gefühl, Phantasie, Imagination hingegen entziehen sich weitgehend diesem Deutungszwang rationalen Erklärens und behaupten die Domäne des ‚bloß Subjektiven‘ als intuitive Erkenntnis erfolgreich für sich. Dieser Fähigkeit zur Geschmacksintelligenz verdanken wir, dass uns die Balance von bewusst/unbewusst, von rational/irrational, von diskursiv/intuitiv etc. auch gelingt. Sich in oszillierenden Widersprüchlichkeiten ein Leben einrichten zu können setzt diese Kompetenz voraus: beim anspruchsvollen Publikum genauso, wie bei den KünstlerInnen.

Als Kurator kulturgeschichtlicher Ausstellungen wurde Herbert Lachmayer der Begriff Geschmacksintelligenz ein ‚geheimer Brennpunkt‘ (focus imaginarius) seines Ausstellungsformats 'Staging Knowledge', einer Vermittlungsstrategie des cultural contents, die darauf abzielt mit der Vergangenheit in der Gegenwart anzukommen.

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Taste Intelligence - Insight at first sight

We all know the intuitive feeling we have about a person when we   encounter him or her the first time. These gut feelings we get in this very first moment can be called Taste Intelligence. Based on mostly aesthetical criteria and visual glues, these judgments can not be rationally explained. Instead, feelings, phantasies and imaginations help us to go beyond rational boundaries and help us to intuitively know, celebrating the purely subjective. Taste Intelligence is a way to balance the conscious and subconscious, the rational and the irrational as well as the discursive and the intuitive. 

Herbert Lachmayer, geboren 1948 in Wien
Studium der Philosophie, Soziologie und Kunstgeschichte in Wien, Frankfurt am Main, Berlin
Lehrtätigkeit in Berlin, Wien, London, Linz und Stanford CA
Gründung der MKL für experimentelle Gestaltung, Linz 1990
Ausstellungen:
"Work an culture - Büro Inszenierung von Arbeit", Linz 1996
"Mozart - Experiment Aufklärung", Albertina 2006
"Salierei sulle trace die Mozart", Mailand 2004
"Gustav Mahler - Produktive Dekadenz in Wien um 1900", Berlin 2011
"Warum braucht Carl August einen Goethe", Weimar 2008
"Haydn explosiv", Schloss Esterhazy 2009

Was ist Geschmacksintelligenz in der Politik?.pdf

Geschmacksintelligentes Auftreten: Herbert Lachmayer (Foto:privat)