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Schreibbare Sichtbarkeit:

Zur Sichtbarkeit von Geschlechtervielfalt in der Schrift

von Amsel Miesenberger

»Weil ich in der Sprache gern existieren würde. Das tu ich sonst nicht. Deshalb fordere ich das.«
– Kerosin95

Am 8. März 2021 erschien in der österreichischen Tageszeitung der Standard ein Interview mit Kerosin95, einem Rap-Act aus Österreich, zum Thema genderneutrale Sprache. Von Kerosin 95s Seite wird öffentlich kommuniziert, dass in der Berichterstattung keine geschlechtsspezifischen Pronomen für Kerosin95 zu verwenden sind. Das nahm der Interviewer Karl Fluch zum Anlass, das Einfordern von genderneutraler Sprache in Frage zu stellen. Er stellt mit Fragen wie »Studien besagen, dass 0,5 Prozent der Bevölkerung transgender sind. Sollen diese 0,5 die Sprache von 99,5 Prozent verändern?« (Fluch 2021) ein Mehrheits- Minderheits-Verhältnis als Argument gegen eine Sprachveränderung auf. Im Eingangszitat spricht Kerosin95 einen wichtigen Punkt an, das Existieren in der Sprache, schreibbare und sprechbare Sichtbarkeit. Wenn die Sprache sich ausschließlich nach der Mehrheit richtet, bedeutet das, dass die von Fluch angesprochene Minderheit unsichtbar gemacht wird:

Kerosin 95: [...] Entweder werden Personen, die nicht Cis-Mann oder Cis-Frau [sic] sind und die strukturell unterdrückt sind, sichtbar gemacht, oder die Leute sagen, das ist mir zu anstrengend. Die sollen sich über die Gewichtigkeit Gedanken machen. Für den Preis, dass sie gemütlicher lesen können, werden andere ignoriert. (Fluch 2021)

Dieses Interview soll hier als Beispiel für ein Einfordern von Sichtbarkeit in der (Schrift)Sprache stehen. In der vorliegenden Arbeit soll es dennoch ausdrücklich nicht um eine Diskussion gehen, ob gendergerechte/genderneutrale Sprache verwendet werden soll.

Im Zuge dieses Textes werden zwei Formen der (Un)Sichtbarkeit von Geschlechtern in der Sprache unterschieden: Gendern und Entgendern.1 Beim Gendern soll eine Vielzahl von Geschlechtern klar sichtbar gemacht werden. Beim Entgendern dagegen soll Geschlecht in der Schriftsprache unsichtbar gemacht werden, allerdings mit dem Anspruch, vorherrschende Geschlechterklischees nicht zu reproduzieren. Meine These lautet, dass die erste Form – das Gendern – dazu neigt, bestimmte Geschlechter sichtbarer zu machen als andere. Das Entgendern dagegen läuft Gefahr, mit dem Geschlecht auch Machtverhältnisse unsichtbar zu machen.

Da dieser Aufsatz keine Entscheidung enthält, welche Form des (Ent)Genderns nun die Beste ist, werden im Laufe des Textes verschiedene Varianten verwendet. Zu finden sind Sternchen, Unterstriche, generisches Femininum, neutrale und inklusive Formen. Der Zweck dieser Mischung ist ein bewusstes Stiften von Chaos. Damit möchte ich einerseits auf die Unübersichtlichkeit in der aktuellen Sprachpraxis sowie im Diskurs hinweisen. Andererseits möchte ich aufzeigen, dass es keine einfache, allumfassende Lösung gibt, die mit starren Regeln im Sprachgebrauch zu erreichen wäre. Die einzige Variante, auf die ich bewusst verzichten möchte, ist das generische Maskulinum.

»Sehr geehrte Damen, Herren und äh ... divers?« Was bedeutet Sichtbarkeit?

Sichtbarkeit bedeutet zunächst einen Platz in der Allgemeinheit, die Möglichkeit, eigene Interessen vertreten zu können. Dabei verwischen die Grenzen zwischen Sehen, gesehen werden und sich zu sehen geben. Es ist außerdem eine politische Kategorie, oft eine Forderung aus oppositionellen politischen Rhetoriken (vgl. Schaffer 2008: S. 11 f):

[...] ›Sichtbar machen‹ bedeutet hier zuallererst die Forderung nach Anerkennung einer gesellschaftlichen und gesellschaftlich relevanten, d.h. mit Rechten und politischer/gesellschaftlicher Macht ausgestatteten Existenz (Schaffer 2008: S. 12).

Im Zusammenhang mit Sichtbarkeitsforderungen muss auch der Begriff der Repräsentation eingeführt werden. Repräsentation zeigt nicht nur etwas, das bereits existiert und Bedeutung hat, sondern erzeugt Bedeutung und mit der Bedeutung auch Wirklichkeit (vgl. Schaffer 2008: S. 81 f). Häufig herrscht die Auffassung, »etwas von der Repräsentation Unabhängiges werde durch eben diese dargestellt, und strittig daran sei primär, ob die Repräsentation der/dem Repräsentierten angemessen oder entsprechend sei« (Schaffer 2008: S.83). Schaffer betont die Wichtigkeit davon, wie Sichtbarkeit aussieht, denn bestimmte Formen der Repräsentation könnten »Gefahr laufen, eine herrschende Ordnung affirmativ zu reproduzieren« (Schaffer 2008: S. 15). Bezogen auf das System der Zweigeschlechtlichkeit bedeutet das:

Ausgehend von konstruktivistischen Geschlechter- und Repräsentationstheorien wird [...] argumentiert, dass Medien nicht einfach gesellschaftlich bestehende Geschlechterverhältnisse3 und -stereotypen aufgreifen und reflektieren, sondern mediale Repräsentationen bringen Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit und das System der Zweigeschlechtlichkeit überhaupt erst hervor (Maier 2018: S. 78).

Sichtbarkeit ist mehr als bloße Visualisierung. Sie bezeichnet nicht etwas, das lediglich gesehen wird, sondern etwas, das damit auch z.B. »politisch und sprachlich erzeugt« (vgl. Maier 2018: S. 85) wird. Durch die Sichtbarkeit können Gesehene zu Subjekten gemacht werden. Als Beispiel bezieht Tanja Maier sich auf Carola A. Stabile (1997), das Ultraschallbild und die Visualisierung von Föten. Dadurch, dass die Föten mit den technischen Mitteln der Ultraschallfotografie sichtbar gemacht werden können, ist es möglich, sie als Subjekte begreifbar zu machen (vgl. Maier 2018: S. 83). Der Fötus wird durch seine Sichtbarkeit politisch aufgeladen und kann medial repräsentiert werden.

ohanna Schaffer führt zudem die Kategorie der Anerkennung und der anerkennenden Sichtbarkeit ein: Zum einen ist Anerkennung die Grundlage für die Lesbarkeit und Verstehbarkeit spezifischer Subjektpositionen – im Sinne von Erkennbarkeit. Hier garantiert sie die Wirklichkeit und die Wahrhaftigkeit dessen, was anerkannt wird. Zum anderen sind Verhältnisse der Anerkennung mit der 4 Dimension der Belehnung mit Wert verbunden [...] (Schaffer 2008: S. 20)

Hier wird die bloße Forderung danach, in Strukturen der Privilegienverteilung vorzukommen durch Kämpfe gegen »entmenschlichende Gewalt« (Schaffer bezieht sich auf Judith Butlers Begriff der »dehumanizing violence«) ergänzt. Die Bedingungen der eigenen Lesbarkeit werden in der anerkennenden Sichtbarkeit von denjenigen gestellt, die gelesen werden und sind somit nicht stereotypisierend oder pathologisierend (vgl. Schaffer 2008: S. 20). Eine solche Anerkennung passiert nicht nur innerhalb einer Mehrheitsgesellschaft, sondern hat zusätzlich das Potential, diese anzugreifen. Wenn Anerkennung nur unter der Bedingung gegeben ist, dass majoritäre Subjektpositionen unangetastet bleiben, spricht Schaffer von einer »Anerkennung im Konditional« (Schaffer 2008: S. 60).

Für nichtbinäre Personen kann Sichtbarkeit mitunter bedeuten, dass sie als Störung oder Abweichung von Zweigeschlechtlichkeit markiert werden. Eine anerkennende Sichtbarkeit dagegen kann sie mit Wert belehnen und menschlich machen – und damit das ganze zweigeschlechtliche System angreifen. Wenn Karl Fluch also – um auf das Interview in der Einleitung zurückzugreifen – argumentiert, eine Veränderung der Sprache, die nichtbinäre Personen sichtbar mache, würde nur einem kleinen Prozentsatz der Bevölkerung nutzen, aber eine Mehrheit betreffen, hat er insofern recht, als dass die Zweigeschlechtlichkeit, von der die Mehrheit ausgeht, durch die Anerkennung der Minderheit angegriffen wird.

Sichtbarkeit hat allerdings auch ihre Tücken: So kann »mehr Sichtbarkeit sowohl eine höhere Einbindung in normative Identitätsvorgaben« bedeuten, »wie auch Kontroll- und Disziplinierungsmaßnahmen leichteren Zugriff gewähr[en]« (Schaffer 2008: S. 52). Die Sichtbarmachung von etwas, das die Norm herausfordert, macht es als etwas außerhalb der Norm stehendes sichtbar. Oft ist die Norm dadurch charakterisiert, dass sie nicht benannt werden muss und dadurch unsichtbar bleibt. Benannt werden dann nur Abweichungen (vgl. AG Feministisch Sprachhandeln der Humboldt-Universität zu Berlin, 2014/2015: S. 9 f).

Denn genau weil Sichtbarkeit und Sichtbarmachung immer auch notwendig einen Rückgriff auf bereitstehende, vorformulierte und im Zuge des Zitierens sich reartikulierende Repräsentationsparameter und -standards bedeutet, produziert die Praxis der Sichtbarmachung minorisierter Positionen immer auch die paradoxe Situation der Affirmation6 der jeweiligen Minorisierung (Schaffer 2008: S. 52).

Während es in »Ambivalenzen der Sichtbarkeit« um Bilder geht und nicht um Schriftsprache, trifft dies hier dennoch, aber auf eine andere Art zu. Bilden z.B. Illustratorinnen2 nichtbinäre Personen auf eine Art ab, die dann als nichtbinär erkannt und weiter zitiert wird, entsteht so ein bestimmtes Bild, wie eine nichtbinäre Person zu erkennen ist. Das wiederum führt zu Erwartungen an nichtbinäre Personen, diesem Bild zu entsprechen. In der Sprache funktioniert diese Art der Kontrolle und Disziplinierung nicht so direkt, ist aber dennoch vorhanden. Durch eine einheitliche Schreibweise, die sich als dritte Variante von der maskulinen und der femininen Schreibweise unterscheidet, entsteht eine einzige Kategorie für eine Vielzahl an Geschlechtern und Ausdrucksmöglichkeiten.

Schreibbare Sichtbarkeit nichtbinärer Geschlechter

Gendern/Entgendern: Richtlinien, Leitfäden, Handbücher, Experimente

Das österreichische Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung gab 2018 eine Broschüre heraus, in der Möglichkeiten einer gerechten Sichtbarmachung von Männern und Frauen vorgestellt werden. Darin werden einerseits spezifisch feminine Formen von Worten (z.B. »Studentin«) erwähnt und eine gleichwertige Paarformulierung (»Studentinnen und Studenten«) vorgeschlagen. Es finden sich hier aber auch spezifisch schriftliche Lösungen, in denen die beiden Formen zusammengezogen werden (»Student/inn/en«) (vgl. BMBWF 2018). Diese Ansätze haben allerdings ein Problem: Die Unsichtbarmachung von Geschlechtern jenseits der Frau-Mann-Binarität. Nichtbinäre, inter und abinäre Personen müssen somit weiterhin um sprachliche Anerkennung kämpfen.

Im Fokus des Leitfadens steht die Sichtbarmachung von Weiblichkeit in einer Sprache, in der sonst nur Männlichkeit explizit sichtbar ist. Es soll also eine Veränderung von einer männlich gegenderten Sprache hin zu einer inklusiveren, männlich und weiblich gegenderten Sprache bewirkt werden. Eine entgegengesetzte Strategie wäre das Entgendern, also das unsichtbar machen von allen Geschlechtern, auch dem vorherrschenden männlichen, z.B. durch das Schreiben von »Studierende« statt »Studentinnen und Studenten« oder »Student/inn/en«. So werden auch Geschlechter abseits der Binarität angesprochen, aber eben nicht sichtbar gemacht.

Um inklusiv zu sein und gleichzeitig bewusst abinäre, inter und nichtbinäre Personen sichtbar zu machen, gibt es verschiedene Versuche, auf die ich im Folgenden genauer eingehen werde.

Lann Hornscheidt und Ja’n Sammla machen in ihrem Handbuch (2021) zu gendergerechter Sprache drei Kategorien auf: Genderinklusives sprechen/schreiben, genderfreies sprechen/schreiben und das Benennen von Genderismus. Die erste Kategorie folgt der Logik eines Genderns das – anstatt nur männliche und weibliche Formen zu benennen – inklusiv ist, die zweite Kategorie entspricht dem Entgendern. Die dritte Form ist ein spezieller Fall. Sichtbarkeit wird hier nicht nur für (bestimmte) Geschlechter eingefordert, sondern auch für die Mechanismen, die sie diskriminieren (vgl. Hornscheidt; Sammla 2021: S. 28 f). 9

Wortendungen

In der oben erwähnten Borschüre des BMBWF wird darauf hingewiesen, wo genau Geschlecht in der Sprache sichtbar wird:

Das Sichtbarmachen des Geschlechts kann durch die Artikel erfolgen, durch eine entsprechende Endsilbe (Suffix), die Beifügung weiblich oder männlich oder durch zusammengesetzte Wörter, die auf das Geschlecht der bezeichneten Person verweisen (BMBWF 2018: S. 4).

Da der Leitfaden sich ausschließlich auf inklusives Schreiben im zweigeschlechtlichen System konzentriert, lässt er die Frage offen, wie Schreibys3 alle Geschlechter anzusprechen sind.

Die Autorens4 Hornscheidt und Sammla schlagen für eine genderinklusive Sprache, in der Sichtbarkeit erzeugt werden soll vor, Formen mit Sonderzeichen (z.B. * : ; _ ! . ‚ ) zu verwenden (vgl. Hornscheidt; Sammla 2021: S. 44 f). Auf einige dieser Formen möchte ich hier näher eingehen:

Der auch Gendergap genannte Unterstrich wird meistens auf den Artikel »Performing the Gap«, erschienen in arranca! im Jahr 2003 zurückgeführt. Der Unterstrich wird darin als Raum dargestellt, der Geschlechtlichkeit repräsentiert, die es »in unserer Geschlechterordnung nicht geben darf« (s_he 2003). Die Lücke, die durch den Unterstrich im Wort entsteht, soll Platz zum Spielen schaffen und das Unmögliche möglich machen. Dabei wird nicht versucht, von der Norm abweichende Geschlechter zu normalisieren, sondern ihre Abweichung zum Thema zu machen. Der Raum, der im Wort entsteht, soll nicht schnell überquert werden, sondern zum Verweilen einladen. Hier werden Parallelen zu Transitionsprozessen von trans Personen gezogen, die oft gesellschaftlich unter Druck gesetzt werden, möglichst schnell einem Geschlechterstereotyp zu entsprechen und die – wenn überhaupt – nur sehr kurz in einem Zustand, der nicht eindeutig Weiblichkeit oder Männlichkeit entspricht, akzeptiert werden. Es geht beim Gendergap also um die Aneignung eines Raumes. Politisch ist diese Praxis, laut s_he, klar links ausgerichtet (vgl. s_he 2003). Der Unterstrich kann auch in Wörtern verwendet werden, die nicht explizit gegendert sind (vgl. AG Feministisch Sprachhandeln 2014/2015: S. 24).

Geschlechtlichkeit repräsentiert, die es »in unserer Geschlechterordnung nicht geben darf« (s_he 2003). Die Lücke, die durch den Unterstrich im Wort entsteht, soll Platz zum Spielen schaffen und das Unmögliche möglich machen. Dabei wird nicht versucht, von der Norm abweichende Geschlechter zu normalisieren, sondern ihre Abweichung zum Thema zu machen. Der Raum, der im Wort entsteht, soll nicht schnell überquert werden, sondern zum Verweilen einladen. Hier werden Parallelen zu Transitionsprozessen von trans Personen gezogen, die oft gesellschaftlich unter Druck gesetzt werden, möglichst schnell einem Geschlechterstereotyp zu entsprechen und die – wenn überhaupt – nur sehr kurz in einem Zustand, der nicht eindeutig Weiblichkeit oder Männlichkeit entspricht, akzeptiert werden. Es geht beim Gendergap also um die Aneignung eines Raumes. Politisch ist diese Praxis, laut s_he, klar links ausgerichtet (vgl. s_he 2003). Der Unterstrich kann auch in Wörtern verwendet werden, die nicht explizit gegendert sind (vgl. AG Feministisch Sprachhandeln 2014/2015: S. 24).

Der Genderstern * wurde aus »der Computersprache entlehnt, wo [er] als Platzhalter für eine beliebige Zahl von Buchstaben fungiert« (vgl. Kühne 2019). Er wird vom Rat für deutsche Rechtschreibung als eine sehr häufig verwendete

Form des Genderns erkannt, mit einem starken Anstieg ab 2016. Etliche Institutionen wie z.B. öffentliche Kommunikationsstellen von Städten nutzen den Asterisk. Der Rechtschreibrat kritisiert die Form allerdings, da sie »grundlegende grammatische Prinzipien« verletze (vgl. RfdR 2021: S. 3).

Der Doppelpunkt wird häufig aus ästhetischen Gründen verwendet, aber auch, weil einige Sprachausgabeprogramme für blinde und sehbehinderte Personen ihn als Pause wiedergeben. Dieses Argument, ihn anderen Sonderzeichen vorzuziehen, wird stark kritisiert, da verschiedene Softwares nicht konsistent darin sind, wie Sonderzeichen ausgegeben werden. Eine Durchsetzung des Genderns mit Doppelpunkt gehe somit an Forderungen zur Barrierefreiheit vorbei. Zudem wird er von Sehenden leicht mit dem Buchstaben »i« verwechselt (vgl. Steinfeldt- Mehrtens 2021). Eine weiterer Kritikpunkt ist die Doppelfunktion als gängiges Satzzeichen (RfdR 2021: S. 4).

Das jeweilige Sonderzeichen kann beim Gendern an verschiedenen Stellen im Wort stehen. Am häufigsten finden sich zwei Varianten: »Student*in« oder »Stud*entin«. Ersteres bezieht sich klar auf die Zweigeschlechtlichkeit, indem das Sonderzeichen die maskuline und die feminine Form trennt. Zweiteres soll die Handlung in den Vordergrund rücken, indem das Sonderzeichen hinter den Wortstamm gesetzt wird. Es trennt die Handlung so von Geschlechtszuordnungen (vgl. Hornscheidt & Sammla 2021: S. 46 f).

Besonders beim Unterstrich gibt es große Variationen. Der Leitfaden der AG Feministisch Sprachhandeln der Humboldt-Universität unterscheidet zwischen dem dynamischen, dem statischen und dem Wortstamm-Unterstrich, wobei der dynamische Unterstrich keinen festen Platz im Wort hat:

Das Wandern des Unterstrichs durch ein Wort macht deutlich, dass es nicht einen festen Ort gibt, an dem ein Bruch in ZweiGenderung – also zwischen der konventionalisiert männlichen und der konventionalisiert weiblichen Form – stattfindet (vgl. z.B. statischer Unterstrich). Der dynamische Unterstrich will vielmehr zum Ausdruck bringen, dass die Infragestellung von Zwei- und → CisGenderung ein dynamisches, nicht festlegbares Modell ist, das sich kontinuierlich verändert. Weiterhin aber sind Frauen und Männer in Formen mit dynamischem Unterstrich explizit erkennbar. Das heißt, dass die herkömmliche sprachliche ZweiGenderung damit nicht grundlegend herausgefordert wird (AG Feministisch Sprachhandeln 2014/2015: S. 23).

Bei Formen mit Sonderzeichen5 ist – wie oben im Leitfaden erwähnt – zu beachten, dass Frauen und Männer explizit aufgerufen werden, während »alles andere« auf ein Zeichen reduziert wird (vgl. Hornscheidt; Sammla 2021: S. 45). Während hier also sichtbar gemacht wird, dass alle Geschlechter angesprochen werden sollen, werden nur zwei explizit sichtbar. Dadurch kann der Eindruck entstehen, dass marginalisierte Geschlechter nur als Nachgedanke in existente gegenderte Formen hineingestückelt werden. Diese Art der schriftlichen Sichtbarkeit könnte ein falsches Bild verstärken, dass inter, nichtbinäre, genderqueere und agender Personen im Grunde Frauen und Männer seien, die eine spezielle Behandlung benötigen.
Ein Problem an der Verwendung von Sonderzeichen ist, dass sie keine Laute darstellen und somit keine Aussprache haben. Daher werden sie meist als Pause im Wort hörbar gemacht. Diese Pause kann an der Stelle gemacht werden, wo das Sonderzeichen steht, aber auch an einer anderen, leichter auszusprechenden Stelle (vgl. Hornscheidt; Sammla 2021: S. 45 f). Dadurch ist nicht hörbar, welches Schriftzeichen hinter der Pause steckt (vgl. Bundesverband der Kommunikatoren: S. 42).

Der Genderstern bietet eine zusätzliche Möglichkeit, die diese Probleme umgeht: Das Einfügen des Sterns nach dem Wortstamm, ohne danach gendernde Silben anzugliedern, z.B. »Studier*« (vgl. AG Feministisch Sprachhandeln 2014/15: S. 16). In diesem Fall kann eine Pluralform durch das Hinzufügen eines weiteren Sterns gebildet werden: »Studier**«. Der Stern kann einfach als solcher ausgesprochen werden: »StudierStern«, „StudierSterne« (vgl. AG Feministisch Sprachhandeln 2014/15: S. 23; Baumgartinger 2008: S. 35). Da diese Form Geschlecht generell unsichtbar macht, ordne ich sie als entgendernde Form ein.

Entgendernde Sprachveränderungen sind Umformulierungen, die das Nennen von Geschlecht vermeiden (z.B. »Personen, die studieren«). Diese Varianten werden auch vom deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband empfohlen, da sie im Gegensatz zu Formen mit Sonderzeichen einheitlich vorlesbar sind (vgl. Bundesverband der Kommunikatoren e.V.: S. 43). Häufig werden Partizipformen verwendet, also »Studierende«. Eine Kritik an Partizipformen lautet, dass sie im Singular 15 nicht entgendernd sind, da ein Artikel davorgesetzt werden muss (»der/die Studierende«). Zudem »fordern [sie] diskriminierende Genderbilder und die Zentrierung von männlichen Vorstellungen nicht heraus« (Hornscheidt; Sammla 2021: S. 49).

Hornscheidt und Sammla schlagen vor, neue entgendernde Wortendungen zu benutzen:

Sich als genderfrei zu verstehen, kann im Moment sprachlich und im Selbstverständnis verschiedenes bedeuten, unter anderem: Gender als Kategoriensystem aufzugeben oder zu verlassen und diesen Prozess zu betonen. Das wird zum Beispiel durch ex- Formen ausgedrückt. Oder sich nicht auf Gender im Selbstverständnis zu beziehen. Das kann mit ens-Formen ausgedrückt werden (2021: S. 40).

Die Silbe »ens« wurde aus dem Mittelteil des Wortes »Mensch« entlehnt und soll sowohl Einzelpersonen als auch Gruppen benennen. »Ens« kann sowohl als Wortendung als auch als Pronomen verwendet werden. Der Einfachheit halber »ist die Form in allen Fällen und für alle Anwendungen identisch – auch im Singular und Plural«. Es eignet sich auch, um Wörter wie »jemand« zu entgendern und stattdessen etwa »jemens« zu schreiben (Hornscheidt; Sammla 2021: S. 53 ff). 16 Um ein »Verlassen von Gender als Zuordnungskategorie« sichtbar zu machen, wird die Endung »-ex« vorgeschlagen (z.B. »Studierex«) (Hornscheidt; Sammla 2021: S. 61). Auch der Leitfaden zum feministischen Sprachhandeln beschreibt eine x-Form (z.B. »Studx«). Diese soll herkömmliche gegenderte Personenvorstellungen durchkreuzen. Die x-Form hat im Leitfaden ein eigenes zugeordnetes Pronomen: »x«, und ein Fragewort: »wex«. Die Aussprache lautet »iks« (also »Studiks«) (vgl. 2014/2015: S. 22).

Von Thomas Kronschläger wird eine Endung mit »y« nach Hermes Phettberg vorgeschlagen, der diese entgender-Variante aus anarchistischen Zusammenhängen übernommen hat (vgl. Müller 2018). Phettberg verwendet diese Form bereits seit 1992 in seiner Falter-Kolumne (vgl. Wuttke 2021). Als Beispiele hierfür werden »Arzty, Kellny und Fahry« angeführt. Kronschläger weist darauf hin, dass noch unklar ist, welche Bilder solche entgender-Varianten erzeugen (vgl. Wuttke 2021). Sowohl »-y« als auch »-ens«, »-x« und »-ex«- Formen sind so wenig gebräuchlich, dass sich nur schwer sagen lässt, inwiefern sie Geschlechterungleichheiten mittransportieren. Neben einem Entgendern entsteht hier vorübergehend zusätzlich Sichtbarkeit von Geschlechtervielfalt. Dadurch, dass Lesx innehalten und kurz nachdenken, warum diese ungewohnten Formen verwendet werden, wird Sichtbarkeit erzeugt, ohne damit bestimmte Geschlechter explizit sichtbar zu machen und andere nur zu implizieren.

Eine Sonderform, die weder offensichtlich inklusiv gendert noch entgendert, ist die a-Form. Die a-Form ersetzt »-er«-Endungen in Worten wie »Lautsprecher« durch ein »a« (also »Lautsprecha«). Im Deutschen werden Worte und Namen, die mit »- a“ enden meistens als feminin wahrgenommen, Worte die mit »-er« enden als maskulin. So können ein Irritationsmoment und eine »Frauisierung« in die Sprache eingeführt werden. Das kleine a kann für eine zusätzliche visuelle Irritation als @ stilisiert werden (vgl. AG Feministisch Sprachhandeln 2014/2015: S. 27). Die Aussprache ändert sich dadurch kaum, es handelt sich also um eine rein visuelle Schriftvariante. Zudem ist die a-Form nur bei bestimmten Wörtern verwendbar. Gegenderte Wörter die nicht auf »-er« enden, können damit nicht verändert werden.

Da das Entgendern Geschlecht unsichtbar macht, macht es damit zusätzlich Geschlechtlichkeit unsichtbar. Da bestimmten Personengruppen aufgrund von weiteren Diskriminierungsformen wie Rassismus oder Ableismus ihre Geschlechtlichkeit häufig abgesprochen wird, ist es oft nicht zielführend, diese in der Sprache noch zusätzlich zu verschleiern.

Manche Diskriminierungsformen, wie Rassismus, oder Behindert-Werden können sich auch darüber ausdrücken, dass Menschen Gender abgesprochen wird. Das betrifft sowohl Frau-Sein und Mann-Sein, als auch nicht-binäre und genderfreie Selbstverständnisse (Hornscheidt; Sammla 2021: S. 59).

Zudem wird vielen Personen durch eine Zuordnung ihres Äußeren aufgrund von Stereotypen ein falsches Geschlecht zugeschrieben. In solchen Fällen kann das Entgendern verletzend wirken, da es Personen ihr Geschlecht zusätzlich abspricht, anstatt es konkret richtig zu benennen. Entgendernde Formen können außerdem geschlechtsspezifische Unterschiede unsichtbar machen. Wenn eine Aussage wie »Mensch geht gerne nachts spazieren« getätigt wird, verschweigt diese Aussage, dass abhängig von Geschlecht ein Nachtspaziergang potenziell gefährlich sein kann (vgl. Hornscheidt; Sammla 2021: S. 60).

Es ist daher situationsabhängig, ob eine gleichberechtigte Unsichtbarmachung von Geschlecht oder eine explizite Benennung und Sichtbarmachung die sinnvollere Variante ist.

Personalpronomen

Nicht nur Wortendungen sind in der deutschen Sprache gegendert, auch Personalpersonen in der dritten Person können Geschlecht anzeigen. Kerosin95 fordert von der Presse eine Berichterstattung ohne gegenderte Personalpronomen ein. Als Karl Fluch das in Frage stellt, lautet Kerosin95s Antwort: »In meinem Umfeld verwendet jede zweite Person kein Pronomen, das ist ein Schnitt von 50 Prozent« (Fluch 2021). Viele Personen bitten ihre Freund:innen und Familien, darauf zu verzichten, gegenderte Personalpronomen für sie zu verwenden, in diesen Fällen kann stattdessen einfach der Name der Person oder ein Spitzname eingesetzt werden.

Nach demselben Prinzip kann nicht nur der Verzicht, sondern auch die Nutzung eines bestimmten Pronomens eingefordert werden. Im Englischen ist das gängigste Personalpronomen neben »he« und »she« das »they« im Singular (vgl. Warenda 1993). Dieses Pronomen wird etwa genutzt, wenn das Geschlecht der Person, über die gesprochen wird den Sprecher_innen unbekannt ist (vgl. Foertsch; Gernsbacher 1997). Zunehmend wird »they« nun auch gezielt verwendet, um das Geschlecht von Personen, die von »he« oder »she« nicht angesprochen werden, zu affirmieren. In diesem Kontext wurde es von der American Dialect Society zum Wort des Jahres 2015 gekürt (vgl. Steinmetz 2016).

Auf Deutsch gibt es kein Äquivalent zum singular they. Neben »er« und »sie« ist das dritte geläufige Pronomen in der dritten Person im Singular »es«. Während viele Personen »es« als Personalpronomen als abwertend empfinden, gibt es auch Pers_onen, die sich dieses Pronomen aneignen, teilweise mit dem Anspruch, zu provozieren:6

[...] Pronomina werden teilweise angeeignet und umbesetzt: das Pronomen ›es‹ oder im Englischen ›it‹ wird oftmals selbstbestimmt statt dem weiblichen ›sie‹ oder männlichen ›er‹ verwendet. Trotz der Umstrittenheit der Strategie wurde diese jedoch schon von Luise Pusch, einer feministischen Sprachwissenschafterin, als Provokation gefordert und wird auch von transinterqueeren Aktivist_innen angewandt. Das häufigste Gegenargument ist, das ›es‹ sei als sächliches Pronomen negativ besetzt und somit nicht für eine Ermächtigung geeignet (Baumgartinger 2008: S. 31).

Häufig werden daher neue Pronomen eingeführt, um diese Lücke zu füllen. Im Folgenden möchte ich einige davon kurz vorstellen: Xier, sif, *, nin und en.7 Auch Hornscheidt und Sammla zählen in ihrem Handbuch folgende Liste auf: si*er, sier*, hen, they, Y, xier, und * (vgl. 2021), in Donna Haraways Unruhig bleiben werden sowohl »per« als auch »sym« verwendet (vgl. Haraway 2018: S. 300).

6 In meinem persönlichen Umfeld wird das Pronomen »es« auch aus dem Grund als Personalpronomen reklamiert, dass die Grammatikregeln geläufig sind und es daher einfacher ist, als Neopronomen einzufordern.

2012 entstanden die ›xier‹-Pronomen mit ihren Personalpronomen ›xier‹, ›xies‹, ›xiem‹ und ›xien‹. Die Endungen orientieren sich an den vier Fragewörtern ›wer‹, ›wessen‹, ›wem‹ und ›wen‹. Bei den Artikeln und Relativpronomen war das genauso: ›dier‹, ›dies‹, ›diem‹, ›dien‹. Der Genitiv ›xies‹ wurde mittlerweile auf ›xieser‹ geändert, um ihn mit der Deklination der herkömmlichen Pronomen abzustimmen. Die zugehörigen Possessivpronomen haben den Wortstamm ›xies...‹ und werden in Abhängigkeit vom jeweiligen Beziehungswort dekliniert (Heger 2021).

»Xier« wird mittlerweile sowohl in deutschen Texten als auch in Übersetzungen aus dem Englischen verwendet, wo im Original das singular they verwendet wird. Illi Anna Heger macht zudem deutlich, dass alle Personen das Pronomen für sich verwenden können, nicht nur nichtbinäre Menschen (vgl. 2021). Auf xieser Website kann nachverfolgt werden, wie die Grammatik über einen längeren Zeitraum entwickelt wurde. 2009 begann Heger xiese Arbeit an geschlechtsfreien Pronomen allerdings in Zusammenarbeit mit Felix Hill mit einem anderen Pronomen: sif (vgl. Heger 2009).

Persson Perry Baumgartinger beschreibt Experimentierwerkstätten in denen sprachliche Ausdrücke für Geschlechtervielfalt erarbeitet werden und erwähnt bereits 2008 das im Vorjahr auf einer Tagung in Berlin entwickelte Pronomen nin (vgl. Baumgartinger 2008: S. 32).

In Österreich wurde 2018 von Teilnehmenden eines LGBTQIA+ Kongresses das Pronomen en entwickelt:

Eine Kombination aus ›er‹, ›es‹ und dem schwedischen ›hen‹. Die Idee war, ein allgemeines neutrales Pronomen einzuführen, das immer verwendet werden kann, wenn das Geschlecht unbekannt beziehungsweise irrelevant ist, so wie das schwedische ›hen‹ oder das englische ›they‹ – ›en‹ ist aber keinesfalls dazu gedacht, andere Pronomen zu ersetzen (Usslar 2019)!

Abgesehen von si*er und sier*, die einen Asterisk benutzen, ist vor allem * als rein visuelle Intervention für die Schrift interessant. Die verschiedenen Fälle werden im Handbuch von Hornscheidt und Sammla als verschiedene Sonder- und Satzzeichen aufgeführt: (vgl. 2021: S.36f).

Ausgesprochen werden diese Zeichen – da sie nicht in einem Wort stehen, das pausiert werden kann – mit ihrem Namen (also z.B. »Stern«) (vgl. 2021: S. 48).

Alle diese Neopronomen können nicht nur von nichtbinären Personen genutzt werden, es steht Personen aller Geschlechter frei, alle Pronomen für sich zu verwenden. Genauso gibt es zahlreiche nichtbinäre Personen, die »er« und/oder »sie« verwenden, Männer, die »sie« verwenden oder Frauen, die sich als »er« bezeichnen. Dennoch haben alle diese Neopronomen gemeinsam, dass sie Geschlecht abseits eines rigiden zweigeschlechtlichen Systems sichtbar machen. Sie schaffen diese Sichtbarkeit nicht nur im Rahmen einer vielfältigen Gruppe, sondern auch für Einzelpersonen. Während dies eine Anerkennung, eine Belehnung mit Wert, bedeutet, kann es auch zur Gefahr werden, wenn etwa Personen auf diese Art gegenüber ihnen feindlich gestimmten Menschen geoutet werden. Hier kann auch eine »Anerkennung im Konditional« nach Schaffer stattfinden, wenn Personen etwa mit ihren richtigen Neopronomen bezeichnet werden, aber nur, wenn sie auch anwesend sind. Auch wenn Pronomen zwar respektiert und verwendet werden, nachdem sie geäußert wurden, bedeutet das nicht automatisch eine unbedingte Anerkennung. So lange nichtbinäre Personen und ihre Sprache als klar markierte »Abweichungen« gesehen werden, ansonsten aber von einem zweigeschlechtlichen System ausgegangen und Sprache automatisch nach den Regeln dieses Systems zugeordnet wird, bleibt die Anerkennung nur eine bedingte.

»Liebe Alle!«

Es gibt mit dem Gendern die Möglichkeit, Geschlechtervielfalt in der Schrift sichtbar zu machen und mit dem Entgendern, Geschlecht aus der Sprache herauszunehmen. Während sowohl Sichtbarkeit als auch gezielte Unsichtbarmachung von Geschlechtern in der Sprache durch die vorgestellten Strategien einfach umzusetzen ist, bleiben dabei zahlreiche Herausforderungen.

Die wahrscheinlich akuteste Schwierigkeit, die mit sprachlicher Sichtbarkeit einhergeht, ist drohende Gewalt, der sichtbar queere Personen ausgesetzt sind. Über die überlebenssichernden Eigenschaften von Unsichtbarkeit schreibt auch Johanna Schaffer in »Ambivalenzen der Sichtbarkeit« (vgl. 2008: S. 54 f). Während dies kein Problem darstellt, wenn es um allgemeine Sammelbezeichnungen wie z.B. »Studier**« geht, kann Sichtbarkeit zur Gefahr werden, sobald einzelne Personen etwa mit Neopronomen bezeichnet und somit als abseits der cisnormativen Zweigeschlechtlichkeit markiert werden. Oft setzt eine angemessene Sprache ein Outing voraus und ist daher nicht in jedem Kontext möglich oder sicher.

Während für diese Untersuchung Debatten darüber, ob geschlechterinklusive Sprache benutzt werden soll, ausgeklammert wurden, stellen diese dennoch eine weitere Herausforderung dar. Durch eine zunehmende Öffentlichkeit von queeren und queerfeministischen Positionen entsteht auch eine zunehmende Öffentlichkeit von Gegenpositionen, etwa im Internet, wo Texte öffentlich kommentiert werden können. Zum Internet als Öffentlichkeit von Gegenpositionen zu Feminismus haben etwa Ricarda Drüeke, Dorina Pascher und Corinna Peil in den Foren der online-Ausgaben der Tageszeitungen Standard und Krone geforscht. Unter den für die Fallstudie ausgewählten Artikeln befindet sich passenderweise einer zum Binnen-I aus dem Jahr 2014 (Drüeke; Pascher; Peil 2018). Solange unter auffällig ge- oder entgenderten Texten mit antifeministischen und queerfeindlichen Kommentaren zu rechnen ist, sind queere Lesende der Queerfeindlichkeit auch ausgesetzt.

Zudem bedeutet Sichtbarkeit auch Unsichtbarkeit mit: »Vor allem diskurstheoretisches Denken führt dazu, im Begriff der Sichtbarkeit ebenso die Unsichtbarkeit zu fassen« (Maier 2018: S. 85). Und: »Wenn sich ein Bild ändert, dann ändert sich auch, was sichtbar und was unsichtbar wird (vgl. Holert 2000: 20)« (Maier 2018: S. 85 f). Werden bestimmte Geschlechter in der Sprache sichtbar gemacht, ist die Gefahr vorhanden, dass andere marginalisierte Geschlechter, die nicht explizit angesprochen werden, wiederum unsichtbar gemacht werden:

[...] die herrschende Form der Sichtbarkeit [erzwingt] die Unsichtbarmachung anderer Repräsentationen bzw. verunmöglicht die Produktion anderer Formen der Sichtbarkeit (Schaffer 2008: S. 91).

Demnach muss nicht nur Zugang zur Schaffung von Selbstrepräsentation ermöglicht werden, sondern es muss zudem eine »Reflexion hegemonialer Darstellungs- und Wahrnehmungsformen« stattfinden (Schaffer 2008: S 91).

Hegemonie wird [...] grundsätzlich durch das Durchsetzen von Aussageformen [Hervorh. im Orig.] produziert, und dadurch, dass spezifische Referenzrahmen samt dazugehörigem Vokabular als einzig gültige gelten, um an einer Verhandlung gesellschaftlicher Verhältnisse zu partizipieren – und keine anderen als passend, möglich, vernünftig oder realistisch bestehen können (Schaffer 2008: S. 126).

Eine fixe und konsistente Regel, wie schriftlich mit der Existenz vieler Geschlechter umgegangen werden soll, würde die Produktion von Sichtbarkeitsformen schließen und nur eine bestimmte Schriftform als gültig anerkennen. Es würde somit eine neue Hegemonie im Ausdruck nichtbinärer Geschlechtlichkeit geschaffen, die wiederum andere unsichtbar macht. An das Ende dieses Textes möchte ich daher ein Plädoyer für Inkonsistenz setzen, für eine Vermischung und Ergänzung von verschiedenen schriftlichen Formen. Dadurch entsteht Raum für Fehler, Veränderung und Ambivalenz. Formen der Sichtbarkeit können immer neu entstehen. So kann vielleicht einer Stereotypisierung und der Herausbildung einer einzigen dritten Geschlechterkategorie mit damit einhergehenden neuen Geschlechterrollen und - klischees vorgebeugt werden.

Es gibt keine schlussendlich richtigen Formen, die dann für immer gelten und diskriminierungsfrei sind – die wichtigste Regel ist respektvoll zu sein, Diskriminierten zuzuhören und Verantwortung für das eigene Sprachhandeln zu übernehmen (Hornscheidt; Sammla 2021: S. 150).

Beim Experimentieren kommt es immer wieder vor, dass Fehler passieren oder verwendete Formen sich als unpassend herausstellen. Daher ist es umso wichtiger, Kritik zuzulassen und sich den Raum zu schaffen, immer wieder neue Möglichkeiten zu suchen, die vielleicht besser funktionieren.

Ein Risiko, das beim Experimentieren bestehen bleibt, ist, nicht von allen Lesex ernstgenommen zu werden. Während in manchen Kreisen bei gängigeren Formen wie dem Genderstern bereits ein Gewöhnungseffekt eingesetzt hat, wird auch dieser von vielen Menschen nach wie vor in Frage gestellt und als lächerlich empfunden. Dieses Problem lässt sich mit immer neuen Formen nicht lösen. Das eigentliche Problem ist aber gar keines der Sprache, der Schrift oder der Sichtbarkeit, sondern eines der gesellschaftlichen Diskriminierung. Während es ein nützliches Ziel ist, Geschlechtervielfalt in der Sprache zuzulassen, ist die Sprache nicht der Ort, an dem gesellschaftliche Diskriminierung als Ganzes abgeschafft werden kann. Sprachliche Veränderung ersetzt nicht den politischen Einsatz für Personen, die aufgrund ihres Geschlechts mit gesetzlicher und gesellschaftlicher Gewalt konfrontiert sind.

 

(1) Gendern und Entgendern beziehen sich beide auf das englische Wort gender, also Geschlecht. Gegenderte Wörter sind also Wörter denen ein Geschlecht verliehen wird, entgenderten dagegen wird das Geschlecht genommen.

(2) Das generische Femininum zeigt nicht nur die Existenz von Frauen auf, sondern auch die asymmetrische Sichtbarkeit von Frauen und Männern in der Sprache. Allerdings möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass nicht lediglich männliche Personen mitgemeint sind, sondern auch diejenigen mit Geschlechtern abseits der Binarität. Der Hinweis ist mir wichtig, denn diese marginalisierten Geschlechter werden hier weiterhin unsichtbar gemacht.

(3) Mehr zum »-y« siehe weiter unten.

(4) 
vorgeschlagen, siehe weiter unten.

(5) Das Vorangestellte »Sonder-« beim Wort »Sonderzeichen« wirft weitere Problematiken auf. Es befindet sich hier in einem Spannungsfeld zwischen »besonders« im Sinne von »außergewöhnlich«, was eine Abweichung bezeichnet und »absondern«, also einem Trennen und abstoßen. Das Wort »Sonderbehandlung« wurde im NS-Jargon als Tarnwort für die Ermordung von Menschen benutzt.

 

 

 

Quellen und Literatur

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